01.04.2015 | Fokus

Europäisches Forschungsnetzwerk soll Urzeitgiganten auf die Sprünge helfen

Störe zählen mittlerweile zu den am stärksten bedrohten Fischarten weltweit. Damit die bis zu acht Meter langen Tiere eines Tages wieder unsere Flüsse hinaufziehen können, schließen sich Wissenschaftler*innen in einem europaweiten Netzwerk zusammen. Zum Auftakt treffen sich sieben beteiligte Partnerinstitutionen am 13. Mai 2015 in der Nähe von Hamburg. Gemeinsam möchten sie Fragen zum Erhalt, dem Wiederaufbau und dem Management der Bestände bearbeiten und dafür ihre Ressourcen bündeln. Initiiert wurde das Netzwerk von der World Sturgeon Conservation Society (WSCS) und dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin, das seit fast 20 Jahren Pionierarbeit im Rahmen des Wiederansiedlungsprogramms für den Stör leistet.

Den Anfang machten Prof. Harald Rosenthal (World Sturgeon Conservation Society), Prof. Klement Tockner (IGB Berlin) und Prof. Otomar Linhart (University of South Bohemia in České Budějovice), die am Stechlinsee eine erste Absichtserklärung zur Zusammenarbeit unterzeichneten. | Foto: Angelina Tittmann

Weder Flüsse noch Störe machen vor Ländergrenzen halt und so verbindet der Stör über die internationalen Flusssysteme und Küstengebiete die Nationen. „Die Wanderlust der Tiere macht die Wiederansiedlung zu einem länderübergreifenden Projekt, das nur in enger Zusammenarbeit gelingen kann“, erklärt Dr. Jörn Geßner, der das Programm am IGB begleitet. Störe, die den Großteil ihres über einhundert Jahre langen Lebens im Meer verbringen, ziehen zum Laichen flussaufwärts. Dort, in fließenden Gewässern mit Kiesbänken, befindet sich ihre Kinderstube. Doch die Reise ist beschwerlich geworden: Überfischung, Verschmutzung, Stauwehre und Gewässerausbau versperren den größten Flussfischen unserer Breiten den Weg und verschlechtern ihre Lebensbedingungen. So verschwanden viele Stör-Arten fast vollständig aus Europa.

Kampf gegen das Aussterben erfordert länderübergreifende Kooperationen

Um die vielfältigen Maßnahmen zum Schutz und zur Wiederansiedlung international besser zu koordinieren und die verfügbaren Ressourcen effektiver einsetzen zu können,  knüpfen Wissenschaftler ein Europäisches Störnetzwerk. Es soll Renaturierungsmaßnahmen ebenso unterstützen wie die Stör-Nachzucht für Arterhalt und Aquakultur. Die beteiligten Partner  möchten damit auch weiterführenden Kooperationen den Weg ebnen, die gemeinsame Störforschung anregen und regionale Netzwerke unterstützen.

Zum Auftakt unterzeichneten die World Sturgeon Conservation Society (WSCS), das IGB Berlin sowie die südböhmische Universität in České Budějovice ein Memorandum of Understanding. Das rumänische Donau Delta Institut in Tulcea, die Universität für Bodenkultur Wien, die Universitäten in Belgrad (Serbien) und Padua (Italien) sowie das französische Forschungsinstitut Irstea folgten. Am 13. Mai 2015 treffen sich die sieben Institutionen nun erstmals in der Nähe von Hamburg, um die gemeinsamen Ziele und Strategien abzustimmen und erste konkrete Schritte zu vereinbaren.

Partnerinstitutionen bündeln ihre Kompetenzen

Im Rahmen ihrer Übereinkunft wollen die beteiligten Partner ihre Kompetenzen und Ressourcen künftig gemeinsam nutzen. Das neu geschaffene Forschungsnetzwerk fungiert hierbei als eine neutrale Plattform für die Zusammenarbeit bei einzelnen Vorhaben sowie für den Austausch von Wissen. Von der engen Kooperation versprechen sich die Wissenschaftler Synergieeffekte und eine bessere Qualität ihrer Forschungsergebnisse. „Unser Ziel ist es auch, einheitliche Verfahren für die Durchführung, Dokumentation und Bewertung der Maßnahmen zu entwickeln“, sagt Geßner. Herausforderungen soll so künftig schneller und effektiver begegnet werden können.

Stör ebnet anderen Arten den Weg in die Flüsse

Gelingt die Wiederansiedlung des Störs, profitieren davon auch andere Arten, die für ein intaktes Ökosystem gleichsam bedeutend sind. Besonders die Durchwanderbarkeit und die funktionale Integrität der Fließgewässer sind für viele weitere Arten wie beispielsweise Lachs, Meerforelle, Maifisch oder Schnäpel ebenso unabdingbar wie für den Stör, um stabile selbsterhaltende Populationen aufbauen zu können. „Sicherlich wird es noch viele Jahre dauern, bis der Erfolg unserer Bemühungen sichtbar wird“, räumt Geßner ein. Dennoch sei mit der Unterzeichnung des Memorandums ein wesentlicher Schritt in die richtige Richtung getan.

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